Ausstellungen u.a.
Seit den frühen sechziger Jahren stand der Mensch im Mittelpunkt der künstlerischen Arbeit Ernst Oldenburgs. Die Anzahl der dargestellten Figuren, ihre Haltung, Gestik, die Ausprägung ihrer Körperlichkeit nutzte er, um immer wieder neu menschliches Miteinander zu hinterfragen.
In seinen Figurenkompositionen – Einzelfiguren, Paare, Dreiergruppen, selten größere Gruppen – thematisierte Oldenburg grundlegende menschliche Erfahrungen und Gefühle mittels einer zunehmend abstrahierten Körpersprache. Weitgehend aus dem zeitlichen und sozialen Kontext herausgelöst, fungierten die Figuren als Exempel des menschlichen Seins, sie wurden zum Typus. Hier konnte er unterschiedliche Bedingungen menschlicher Existenz – Liebe, Zuneigung, Trauer, Ablehnung – allgemeingültig formulieren, sei es auf dem Gebiet der Malerei, der Grafik oder der Bildhauerei.
Der venezianische Kunstkritiker Guglielmo Gigli schrieb dazu: “Der Mensch ist für O. nicht nur ein Vorwand für eine gültige ästhetische Form; er ist die einzige Möglichkeit zum eigenen Wesen der Kunst vorzudringen. eine Form, die ohne menschliche Präsenz für O. nur zu einem reinen Spiel der Fantasie oder der Geschicklichkeit würde, aber kein Bild, keine Plastik ergäbe.“
Den Wandel von der Darstellung individueller Schicksale zu Abbildern allgemeinmenschlicher Grunderfahrungen vollzieht der Künstler in den Jahren 1960 bis 1962. Nicht zuletzt die Philosophie Schopenhauers, Nietzsches, aber auch die Ideen von Aristoteles regen ihn zu seinen Interpretationen der menschlichen Beziehungen in seinen Figurenbildern an.
Inspiriert wurde er zudem durch seine Pariser Kontakte zu führenden Mitgliedern der „Ecole de Paris“, wie Serge Poliakoff, Hans Hartung und Zoran Anton Music. Oldenburg interessierte sich jedoch nicht für deren inzwischen abstrakte Malerei, sondern für ihre gegenständlichen Werke wie für die autonome Farbe. Poliakoffs abstrakte Farbfeldmalerei mit ihren intensiven, reinen Farben hinterließ dabei wohl den nachhaltigsten Eindruck bei Oldenburg: Geschlossenere Umrisse, feste Körperformen und wenige, gezielt ausgewählte, kräftige Farben finden fortan Eingang in Oldenburgs spannungsreich angelegten Kompositionen.
Ebenso hinterließen die Werke der Klassischen Moderne, wie von Henri Matisse, Pablo Picasso, Amadeo Modigliani und Wilhelm Lehmbruck sowie die reduzierten Figuren Henry Moores, die Oldenburg bereits Mitte der 30er Jahre in der Pariser Kunstszene tief beeindruckt hatten, ihre Spuren im Werk des Künstlers.
In der Malerei konzentriert Oldenburg sich auf wenige Themen, die er stets aufs Neue variiert. Künstlerische Wahrheit bedeutet ihm eine Vielfalt verschiedener Perspektiven. Nicht der abschließenden Perfektion des Ausdrucks gilt sein Bemühen, sondern einer Offenheit des Kunstwerks.
Seine Figurenkompositionen umfassen vorrangig Einzelfiguren, Paare, Dreiergruppen, selten größere Gruppen. Die Einzelfiguren lagern oder hocken meist in einem unbestimmten Farbraum. Ihre künstlichen Haltungen und Drehungen sind teilweise vom Tanz inspiriert, die Körper heben sich häufig durch eine lichte Farbigkeit vom Hintergrund ab.
In seinen zweifigurigen Kompositionen beschäftigte sich Oldenburg mit der Vielfalt von Gefühlen und Zuständen einer Paarbeziehung. Das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen zwei Menschen findet seinen Ausdruck in der Körpersprache der Figuren und den gewählten Farben. Dynamisch, bewegt oder auch ruhig können die Haltungen sein.
Das Hinzufügen einer dritten Figur ermöglichte Oldenburg die Erweiterung seiner Paarszenen um ein zusätzliches Spannungselement. Was passiert? Harmonisches Miteinander oder Sich Abwenden und Isolation.
Mit seinen Figurenbildern grenzt Oldenburg sich bewusst gegen die abstrakten, informellen Kunstströmungen der Zeit ab und entwickelt, aufbauend auf den Charakteristika der Malerei der Klassischen Moderne, durch Reduktion der Form, Lösung der Farbe vom Gegenstand und Anlage eines imaginären Bildraumes eine unverwechselbare eigene Bildsprache.
Beispiele hierfür sind die druckgrafischen Arbeiten, die auch als konsequente Weiterentwicklung des körpersprachlichen Ausdrucks seiner Figurenbilder zu betrachten sind.
In stilisierender Klarheit formt Oldenburg Menschliches als konzentrierte Pose, Die Lithografien und Linolschnitte mit harten Schnittkanten und Ecken zielen auf eine geschlossene körperliche Präsenz ab. Zwar ließ sich Oldenburg von Modigliani oder Matisses Blauen Akten inspirieren, doch Oldenburg verarbeitet die Anregungen nach seinen eigenen bereits entwickelten Zielsetzungen.
Oldenburgs Akte sind in die Fläche eingespannt, ihre Fußspitzen, Ellbogen, Knie oder obere Kopfhälfte werden vom Bildrand überschnitten. Und im Gegensatz zu Modigliani war er nicht interessiert an der Stilisierung eines gängigen Schönheitsideals, - daher auch der gesichtslose Typus -, sondern er stellte Weiblichkeit und Frausein vielmehr als die kraftvolle Energie eines ästhetisch gedeuteten Körpers vor.
Die grafischen Werke stammen insgesamt überwiegend aus den 60er bzw. 70er Jahren und entstanden teilweise während der Aufenthalte in Paris.
Die Bildhauerei ermöglichte es Oldenburg, seine Auffassung des Menschlichen wirkungsvoll und kompromisslos auf den Punkt zu bringen. Die Konzentration auf die aus jedem Zusammenhang gelöste Figur bewirkt in Verbindung mit der Dreidimensionalität des Mediums eine Zuspitzung des gestischen Ausdrucks. Wird die menschliche Existenz in der Malerei als Form behandelt, so gewinnt sie in der Skulptur an Gestalt. Das Sichtbare wird zum Greifbaren, zur verkörperten Realität dessen, was nicht sichtbar ist.